Einwürfe gegen die Strategie der Harmonie.
Sie wollen uns erzählen
Wie jedes Produkt, das der Verwertung im System obliegt, machen auch Tocotronic das, was sie am Besten können. Sprich Musik für all jene, deren Kampf darin besteht zu überlegen, kaufe ich mir ein zweites Billy-Regal, soll ich heute Abend auf die ASTA Party gehen und wenn ja, was ziehe ich aus dem Wust der H&M Kollektion an? Dass sie in jedem zweiten Interview betonen, dass sie mit deutscher Identifikation nicht und wieder nichts zu tun haben, gehört einfach zum Spiel. Es ist eine zwingend notwendige Symbiose: Ohne die Deutschen – Kein Tocotronic und umgekehrt.
Die Kritik der Maschine wird insofern ungültig, als dass das Konzept Tocotronic Teil dessen ist, was sie vorgeben zu negieren. So erklärt sich dann letzten Endes auch, weshalb diese Gruppe sich mit anderen „Dissidenten“ im August 2005 dazu entschloss, Teil einer Jugendbewegung zu werden. Unter dem Titel „I can´t relax in Deutschland“ fanden sich unter der Regie der nur bedingt fähigen Roger Behrens und Martin Büsser (Sinistra!)auch Tocotronic unter gleichnamigen Sampler wieder. Liest man die Theorie der Kampagne (u.a. die Kritik am Nationalismus), (1) so kommt am Ende eben jenes vertonte Elend dabei heraus, mit denen uns Tocotronic auf der „Pure Vernunft darf niemals siegen“ zu langweilen wussten. Statt eine Kritik des Ganzen zu formulieren, arbeitet man sich ab an Belanglosigkeiten wie der Band MIA oder Heppner & van Dyk. Aber auch schon vor dieser zum Scheitern verurteilten Initiative gaben sich Tocotronic jenem Elend hin, das sie zumindest 2008 besingen konnten, indem sie letzten Endes mit einem Majorlabel ihre „Kapitulation“ preisgaben.
Bereits 2003 fanden sie sich unvermittelt in der Parallelwelt der Berufsdemonstranten und Milch ist Blut Community, in der Hamburger Roten Flora wieder (2). Sie spielten ein Solikonzert zugunsten des geräumten Bauwagenplatzes Bambule und bewiesen bereits zu diesem Zeitpunkt, wie wichtig die Rückbesinnung auf das platte Land (auch Großstädte sind letztendlich Dörfer – L. Marcuse), die Heimat ihnen erschien.
Was sie hätten registrieren müssen, war der Schwachsinn, der sich unter dem Label Move against G8 wiederfand. Dort stehen sie einträchtig mit eben jenen Gruppen beisammen, die sie 2005 noch so unrelaxed fanden. Als Beispiel sei hier nur die Deutsch-Pop Gruppe „Wir sind Helden“ angeführt, die zur jener Scheußlichkeit zählt, die sich Deutschland nennt (3).
Ein Blick auf die Mobiseite (4) der Initiative sollte dann auch den Letzten überzeugen. Es nennt sich Make Capitalism History (G8 Soli CD) und hat alles, was die Bewegung gegen die Heuschrecken, Finanzhaie und Juden benötigt. Nazibands wie Banda Bassoti (Nazi Sion Polizei) oder Los Fastidios. Wenn sie sich dabei wohlfühlen, dann bedarf es keiner weiteren Diskussion über die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung, in deren Kern sich der Antisemitismus wie das Gewitter zur Wolke verhält.
Als vorläufigen Höhepunkt und endgültigen Bruch zur ansatzweise antideutschen Kritik dürfte dann ihr Auftritt 2009, wiederum in der Roten Flora, anlässlich des 20 jährigen Bestehens dieser antiimp-antinationalen Scholle, zu sehen sein (5). Eine Distanz zu den „Hamburger Unzumutbarkeiten“ ist hiermit nicht erkennbar. So lange es Identifikationsfiguren wie Tocotronic gibt, die für das avantgardistische bessere Deutschland stehen, so lange ist die Notwendigkeit des Diskurses eine zwingend gegebene Maßnahme, die radikal mit dem brechen muss, was auch eine Gruppe wie Tocotronic innerlich nach außen vorträgt.
Mit Hein Blöd auf dem achten Ozean
Das Singen von deutschen Texten ist sicherlich keine Erfindung der Hamburger Schule. Schon in den 70ern gab es u.a. den sogenannten Krautrock. Auch Bands wie Ton Steine Scherben, die mit aller Konsequenz dahin gingen, wo es sich mit einem monatlichen Gehalt prima prostestieren lässt, nämlich in den Schoß der deutschen Gemeinschaft (wer erinnert sich nicht gerne an die Soloauftritte von TSS-Sänger Rio Reiser bei Dieter Thomas Hecks „ZDF Hitparade“). Das ganze ist also weder neu, noch originell und erst recht in keinster Weise progressiv. Es ist die Wiederkehr des Vorhandenen, das sich 2010 nur besser zu Markte tragen lässt. Spätestens jetzt ist es an der Zeit, das Feld jenen zu überlassen, die glauben, Romantik, Lyrik und die Schönheit der Sprache wären etwas per se positives. Das Spiel der Texte haben Tocotronic zum Klassenprimus der Hamburger Schule gemacht. Was den Klassenkollegen mit „Die Tiere sind unruhig“ (Kante) noch nicht wirklich im Detail gelingt, exerzieren Tocotronic aus dem Effeff. Das ist auch so gewollt, weil der einfache Reim nicht nur den Interpreten langweilt, sondern auch dazu führen würde, dass er in seiner ganzen Beliebigkeit austauschbar wird. So spielen Tocotronic mit dem Appell durch Verneinung. Was am Anfang als Aufforderung zu verstehen wäre, wird zerstört durch das Ende in der Ironie. Selbskritisch, wenn auch eher ungewollt, heißt die Matrix hierfür „Harmonie ist eine Strategie“.
Jede und jeder wird in der Sprache von Lowtzows etwas finden, mit dem man glaubt, einen Schlüssel zur Erkenntnis in der Hand zu halten. Die Banalität des Gesagten erfährt durch das hörende Individuum mit all seinen Emotionen und Vorstellungen von etwas besserem die Aufwertung, die es letztendlich auch ermöglicht, Polen nicht mehr mit Panzern und Flugzeugen zu überfallen. Dafür sorgt dann die Außenstelle des Goetheinstitutes in Polen (6). Tonale Barbarei mit Raum für Leben einst und nun der Darstellung. Nun mag es sicher Hörer geben, die sich gerade nur mit jener Kunstfertigkeit des nicht gleich zu Verstehenden zufrieden geben. Die von der Zerstreuung des Wortes und der „Wortkunst“ zehren, die Musik der Hamburger erst dadurch wahrnehmen, dass sie zunächst nicht wahrnehmbar ist. Das Besondere, in einer Welt, in der das Einfache einprägend den Alltag bestimmt. Sie, die geistigen Vertreter einer neuen an den Universitäten heranwachsenden Elite (im selbsterdachten Idealfall) mögen nicht das Simple (abgesehen von Tiefkühlpizza) und sind so fixiert darauf, dass sie verblendet werden von der immer wiederkehrenden Einfältigkeit der Musik der Hamburger Schule.
Das neue Album schließt da an, wo das vorletzte aufhörte. Die Seichtigkeit des Seins, gepaart mit den Sprenkeln und Versatzstücken vom Menschen in der Revolte. Stürmt das Schloss nach dem Hinweis „Mach es nicht selbst“. Wenn Jan Gerber (7) vom Heimwerken spricht, dann mit Fug und Recht und als Kritik der Regression der Verlorenen, die sich in der ach so „Global-Brutal(en)“ Welt nicht mehr wohlfühlen. Wenn Tocotronic davon singen, ist es gleichzusetzen mit der Phrasenhaftigkeit, welche wir auch von den Protagonisten der No Global Bewegung her kennen. Statt mit sich selbst einmal zu brechen und dem gerecht zu werden, was sie vorgeben zu wollen, was sie fordern, verlieren sie sich in jenem Malstrom der Gleichgültigkeit, der nur dazu dient, das Elend zumindest für die Dauer der CD erträglich zu machen.
Georg Domkamp
Danke an Virginia Spuhr für die Inspiration (dein schön ist fast immer mein schön)
1. Vgl. PHILIPP LENHARD – Zurück zum Glück PRODOMO – Zeitschrift in eigener Sache – Köln Nr. 1/2005
2. http://www.nadir.org/nadir/kampagnen/letthemusicplay/programm/programm.html
3. http://www.trikont.de/basics/archiv/1954/
4. http://www.move-against-g8.org/
5. http://www.lastfm.de/event/1082553+Tocotronic+-+Solemn+League
6. http://www.goethe.de/ins/pl/lp/kue/mus/bdm/deindex.htm
7. http://de.divxklip.com/video/XGCVOzYZ3sg/jan-gerber-uber-die-anti-g8-bewegung.html
Der Text von Frau Spuhr findet sich hier














